Neue Gedichte von Klaus Martens

 

April 2018

 

Reisigsammlerin

Sie sammelt im Frühjahr

das Reisig unter den Birken,

heruntergerissen von Alter

und Schnee, gebrochen im Frost –

Reisig, oft bedeckt von Blättern,

braun auf grau, auch Flatschen

der Birkenhaut, die nun frisch

sich zeigt für die neue Saison,

während das knospenlose Reisig

auf den Brand wartet im Winter,

der kommt, kommen muss

wie von alters her auf dem Rücken

einer krummen, märchenhaften

Sammlerin, die sorgt, die vorsorgt.

 

Im Bett

Die Wochen im Bett

bedeuten eine Krankheit

des Skeletts,

der Denkapparat ist nicht

betroffen, denkst du.

Doch so ist es nicht –

du träumst, bist betäubt.

Der Gedanke fliegt nicht aus,

entfaltet seine Federn.

Er hält sie dicht am Leib,

um dich zu wärmen

und dich zu ergründen,

still und tief wie nie zuvor.

 

Mozart 1781

Als Mozart, dann Anfang Dreißig,

in den amerikanischen Kolonien

mit Rochambeau aktiv war,

erinnerte er sich an seine Zeit

als Wiener Wunderkind, von

allen beklatscht, von vielen

beneidet? Spielte er im Salon

von Martha Washington Lieder

patriotischer Art und übte

manchmal heimlich Haydn?

Jugend bleibt unvergessen,

die Musik, Jahrzehnte kaum

wahrgenommen an ihm, prägte

sein Gemüt und seine Träume,

noch als Held der Revolution.

 

Weiße Wolke

Diese wunderbare weiße Wolke

im blauen Nachmittag

ist kein Sommerwölkchen –

Sie steigt aus einem unsichtbaren

Schornstein hinterm grünen Berg,

dort drüben –

nicht alles ist so gut getarnt

in diesem warmen Frieden,

doch auch Wissen ist nicht Macht.

 

Bergbau

Bergbau, nicht das Schürfende allein,

ist Sache der Romantik,

die nie geendet hat – anders der Bergbau.

Nachdem die Schätze gehoben sind

oder nicht mehr gebraucht werden,

wird nicht mehr gegraben, getunnelt.

Das Wasser fließt ab, Pumpen holen es

als Abfall an die Oberfläche, voller Gift.

Es war nicht das Gift, das aus der Tiefe kam,

es waren die Gedanken aus dem Dunkel,

die so lang gehoben wurden und Feuer nährten

im Herzen, bis sie auf zu kleiner Flamme starben.

Mancher Steiger steht, man singt ihm sein „Glückauf“,

wenn er an die Tageshelle kommt,

die ihn nicht erfreut und nie mehr allein lässt.

 

Falten

Wie unterscheidet man

Lachfalten von Trauerfalten?

Sind die einen tiefer,

die anderen breiter, weil

sie mehr Tränen führen müssen?

Lachfalten sind gekniffener,

unsicher entstanden –

aber vielleicht ist es ganz anders.

Falten geben dem Fleisch Raum,

sich zu entfalten, mit den Gefühlen

zu wachsen. Früher wurden

Kleider auf zukünftige Passung

gekauft, bei Halbwüchsigen,

und immer bei knapper Kasse.

Später wuchs man hinein und

die Hemden wurden ausgelassen.

So auch die Falten im Gesicht.

Sie kommen wieder bei reduziertem

Wuchs, wenn das Fleisch eingeht.

 

Zweite Isolde

Die Farben sind im Auge,

sind im Regen,

sind in der Luft – wir

denken uns Farben.

Sie bedeuten Temperatur,

sie sind Stimmung

und sie sind Gefühl.

 

Ohne Farbe wäre alles

Nord- oder Südpol.

Bis auf die rote Sonne

unterm Lid des Forschers,

bis auf die Nase des Eisbären,

bis auf die weiße Hand

in deinem Namen, zweite Isolde.

 

Naturschutz

Wo ihr euch entkleidet habt

in der Nachmittagssonne

auf der Wiese bei der Brücke,

ist heute Naturschutzgebiet.

 

Ob du links gehst oder rechts

oder dich ins Gras legen willst –

dafür gibt es Anweisungen

oder gar Strafen, falls ertappt.

 

Was ist geschehen, was fehlt?

Wir waren ohne Schutz und frei,

und die Natur war uns freundlich

in der Sonne, im Gras, bei der Brücke.

 

Traueranzeigen

Die Anzeigen sind voller Trauer

und Liebe und guten Erinnerungen.

Rufe hallen nach – zu spät.

 

Passende Lyrik, Psalmen werden zitiert,

Partner zeichnen für sich,

manchmal für eine ganze Familie.

 

Es sind Jahrgänge bis zurück

in die Zwanziger, Dreißiger, Vierziger –

und jüngere, natürlich.

 

Ich blättere und schaue alle an,

Männer Frauen, Kinder,

Arbeiter, Lehrer, Angestellte, alles dabei.

 

Es sind wirklich alle dabei

und ja, viele aus meinem Jahrgang,

doch die schaue ich nicht an, überlese mich.

 

Abnehmende Seele

Sonne und Mond nehmen ab,

abends, morgens –

die Sehkraft nimmt ab,

das Hörvermögen verarmt.

Die Kraft in Arm und Bein verebbt,

selbst das Gesicht – schrumpft.

Der Schopf verinselt weiter,

das Herz macht kleine Pausen.

 

All das ist nicht zu leugnen.

Doch was ist mit der Seele?

Wird sie blasser, wird sie ärmer,

wird sie schwächer? Ist sie

überhaupt noch da? War sie

jemals da mit Emotion und Empathie,

ist sie noch im schwachen Auge,

im Ohr, das horcht, nach innen?

 

Hat sie abgenommen, deine Seele?

Nein, tot bist du noch nicht –

aber deine Seele, lebt sie noch,

fühlst du ihren Atem noch,

nimmt sie noch Anteil an der Welt,

die dir schon lange nicht gefällt?

Irgendwo steckt sie, ein dünnes Kupfer,

gebaut ums Rückgrat, die leitende Seele.

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In Memoriam Derek Walcott

(1931-2017)

(Aus: Klaus Martens Alter Knochens spricht und andere neue Gedichte. Amarant, Saarbrücken 2011.)

 

Karibischer Dichter

Für D.W.

Zuhause, mein Freund, im englischsprachigen Haus,

hat man dich schnell verräumt, vom Empfangszimmer

in eine Ecke der Bibliothek. Dies große, weiße Haus

mit der Freitreppe und dem unblühenden Garten

 

sieht seine bunten Bewohner gern in anderen Rollen:

Weißzahnig grinsend am Ruder des Ausflugsbootes,

dekorativ auf dem Schnappschuss mit den Damen –

aber als Champion der ungebändigten, salzigen Sprache?

 

Das fiel schwer, als der rote Neger nobel wurde. Doch

gab es andere Eigenheiten der Akademie vor dir: St. John

Perse war stubenrein. Soyinka, Morrison, Naipaul –

zu viele waren es nicht, aber, den Schweden sei Dank,

 

sie machten viel falsch, aber diese wählten sie richtig. Ich

denke an deine Rettung einer ganzen Region aus dem

imperialen Schiffbruch, mit den farbigen Fischerbooten

deiner voll beladenen Sprache, die Errettung der Wörter

 

aus Faltblättern der Touristik in dein Wörterbuch neuer

Welt, klarsehender Homer deines Inselreiches. Der Friede

ruhiger Wasser begleite dich und besänftige die Bitternis

des wirklich Heimischen in einer Welt voll Fremder.

 

In Memoriam Thomas Lux

1946-2017

 

Er war der Sohn des Milchmanns,

war groß und kräftig und nicht

fromm – seine Denkungsart war

sorgsam und geschärft und seine

Zeilen im Gedicht mal wie Hiebe

mit dem Florett und manchmal

mit dem baseball-bat. Er war sanft

und rücksichtsvoll, doch wenn er

stand, aufrecht, mit weiter Geste,

weit, weit, weit wie ein Decasyllabus,

drang er ein und durch – seine

Position war die Opposition.

Er war ein Antinom zu allem, was

Recht und Harmonie verpestet.

Er war, ihr kennt ihn doch? Poet.

 

 Alle Copyright by Klaus Martens 2017