Neue Gedichte von Klaus Martens

 

April 2019

 

Knackbrot

Es wird mit seinen Geräuschen

gebacken und gerollt, bis es platt

ist und brechen kann wie Glas.

Es ist nicht alt und hart wie altes

Brot. Nein, es ist frisch und hart

und knackt selbst oder deine

Zähne.  Es ist haltbarer als deine

Zähne. Es ist wie Pemmican,

nur ungeritten und aus Roggen.

Es ist nicht durchsichtig und

schmeckt bei größter Kälte,

wobei es knackt, wie Flusseis.

 

M.C. Escher

Bei Escher erfährt man,

dass Auf und Ab

aus einer Bewegung

des Auges kommen können,

dass die Welt ein Wahrnehmungskerker ist,

wie bei Piranesi.

Man lernt, dass man sich

auf zu wenig Möglichkeiten einlässt,

dass man zu selten die Norm verlässt,

zu selten wie Escher sieht.

 

Topspiel

Vieles sprach dafür,

manches dagegen,

kurz:  das Ergebnis war offen,

es kam auf den Standpunkt an,

zum Beispiel elf Meter

vor dem Tor – unserem

oder dem der anderen.

Irgendwann kam die Entscheidung,

es war das Ende des Spiels.

Wer hat gewonnen?

Man muss nicht alles zugeben.

 

Kündigung

Rechtzeitig, vor dem Termin,

schicke ich die Kündigung –

es soll vorbei sein, ein Ende

des Inkassos, eurer schlechten

Leistungen, eures Beharrens

in Überheblichkeit –

 

Es ist jetzt Schluss, die Verbindung

wird gekappt. Kein Gespräch

mehr, kein Aufschub, keine

Vorbehalte – von jetzt ab:

Ohne euch, Monopol.

 

Kleiner Schmerz

Dieser kleine Schmerz direkt

über dem linken Auge

kommt und geht, pulsiert

mit dem Herzschlag,

hält dann kurz ein, beginnt

wieder. Er ist kaum größer

als eine Kastanie, sagen wir,

aber größer als eine Eichel.

Klopft hier etwas bei mir an,

will es herein, tiefer vielleicht?

Oder mahnt es, tock-tock:

denke nach, schau auf die Uhr,

geh an die frische Luft, so lange

du noch kannst? Oder sagt es:

nun lass den Gedanken raus,

drück dich nicht, finde deine

Worte dafür, erleichtere dich?

Dieser kleine Schmerz –

ich denke, er ist der Rede wert.

 

Lieder und Sänger

Hundert Jahre Lieder und Sänger

im Sternzeichen der Gitarre,

Stimmen in unverstandenen Sprachen

und Schweißtropfen reiner Emotion

beim ersten, noch beim letzten Ton:

all die hellen, sonoren, grollenden

Stimmen nach denen wir unsere Leben

takteten, Wut und Wünsche nannten.

im Jahrhundert der Gitarre, die jeder

kannte, konnte in Übereinstimmung.

Was wird nach dem Tod der Sänger

überleben, woran wird man sich erkennen

am stillen Ende der Generationenmusik?

 

Angebissen

Auf den zweiten Blick sehe ich,

dass das kleine Bündel eine Ratte ist,

schwarz-grau, auch schon etwas

verwest.  Wir haben ihr Futter

hingelegt, und sie hat angebissen

und ist verreckt: vergiftet. Es war

kein leichter Tod, die Zähne sind

gefletscht. Ihren Todeskampf

können wir uns denken. Ja, wir

haben Mitleid, es war eine schwere

Entscheidung. Bestimmt war

sie nicht die einzige, die im

Kompost lebte. Wir füttern weiter.

 

Nachfrage

Und –? Sind sie noch da

oder sind sie verschwunden?

Haben sich alle in Alltag

aufgelöst oder war alles

nur Alterszubehör, Jugend-

kulisse, Spiegelbild,

erfunden in der Dachkammer:

der Kiesweg des Bruders,

weiß hinter dem großen Haus,

das schnelle Auto (man sieht

es ihm nicht an), die guten

Freunde in der Mannschaft?

Sie sind alle noch irgendwo

in der engen Herzkammer,

in zerfallenden Alben, in

deinem Blick am Spielfeldrand.

 

Sprungweise

Eigentlich konnte ich sie nicht ausstehen,

die kleine Schallplatte – Erwartung enttäuscht,

fort war mein Taschengeld!

Ich ließ sie auf dem Plattenteller liegen,

mitten am Nachmittag, als die Sonne

durch mein Fenster schien und die Scheibe

stetig erwärmte, so dass sie sich verbog –

unbrauchbar!  Später hörte ich, was noch

abspielbar war, stückweise, bis die Nadel

von einer Welle geworfen wurde, wieder

und wieder, an mehreren Stellen. Ich begann,

sie sprungweise mehr zu mögen, die Platte,

den Sänger, geliebtes, unvergessenes Lied.

 

Samstag als Möglichkeit

Alles war kürzer –

der Schulmorgen,

die Öffnungszeiten,

das Mittagessen.

 

Länger war die Heimfahrt,

das Fahrrad fuhr Kreise

und Serpentinen,

zu dritt auf dem Weg.

 

Pausen an Geschäften

(bald geschlossen),

Pläne für nachmittags

und den kurzen Abend

 

vor dem langen Sonntag,

mit dem ewigen Morgen,

dem andauernden Frühstück,

dem Gedanken an Montag.

 

Es war ein Hotel

Es gab da ein Hotel

mit einem leeren Café.

Der Tresen war staubig,

das Becken war trocken.

Die Zimmer standen offen,

die Betten waren gestorben,

wie das Hotel, das hohl

auf seinen Fundamenten stand

und hinter seinen geschlossenen

Fenstern nicht mehr atmete.

Es war ein Hotel für Dänen

und für Holländer, denen

alles zu teuer war. Sie putzten

Schuhe mit den Vorhängen

und traten das Linoleum streifig.

Es gab da ein Hotel, das war

einmal ein lautes, frohes Glück.

Niemand kommt zurück, niemand.

 

Die andere Emily

Die andere Emily schrieb und malte,

aber wenig Gedichte –

sie erzählte und bildete ab,

was sie beim Sehen empfand,

in großen braunen und grünen Strichen

das Holz, das aus Holz gehauene,

die Dinge und die Schatten

von Wald und See – sie zog

mit Wagen und Esel wie ein Tinker

durch das noch verwunschene Land,

das sie, mit ihren Augen, fand.

 

Im Hirnwald

Schlängelnde Verästelungen

kleiner Bäume im weißlichen Grün

an den bizarren Leibern

greifen nach dem feuchten Licht

der obersten Blättertarnung,

fangen sich verirrte Insekten,

Tropfen, die von den Ästen fallen,

fliegen und tonlos im alten Mulch

einschlagen zwischen hohlen

Nüssen irgendeines Baumes

in diesem einst sorgsam bedachten

Garten am unbestellten Hang.

Nun geh schon, nur zu und hindurch,

denk dir dein Teil, geh mit Furcht.

 

Untergang

Nach dem langsamen Sinken des Schiffes,

nach dem seufzenden, schreienden,

stillen Verschwinden von Besatzung und Passagieren

bleiben ein paar vereinzelte Köpfe über Wasser,

zwei oder drei, hier oder dort –

manchmal ein unwillkürliches Treffen,

kaum ein Wort, wegen der äußeren Kälte,

dem schwindenden Gefühl.

Dort hebt sich noch eine Hand, ein Arm –

ein Gruß. Dir auch, dir auch. Gute Nacht.

 

Kälteeinbruch

Bricht die Kälte bei uns ein

oder brechen wir in sie ein,

wie durch dünnes, klares Eis,

wie durch dicken Frost

auf der Wiese, wie durch

dies verdammte, aufgesetzte

Lächeln, das in eisige Scherben

fällt, geht es ums Geld?

Nein, wir sind in aller Kühle

freundlich und geben dennoch

nichts, nicht den Zehner für

den Zeitungmann, die Boten,

keinen Taler für die süßen

Sammler der vergoldeten Kirche.

Ja, ich bin alt, das Herz wird kalt.

 

Mehr nicht

Ich bin schon älter,

gehöre nicht zu

den Neueren, Jüngeren,

zu den Aktuellen,

den Sensationellen.

Vielleicht hätte ich

in die Hauptstadt

ziehen sollen, dorthin,

wo die Förderlotterie

das Steuergeld verteilt.

Hier, wo ich wohne,

spreche ich nicht

den Dialekt, bete nicht

am Wegkreuz und bin

nicht in der richtigen

falschen Partei – einerlei.

Manchmal gelingt mir

ein Gedicht – mehr nicht.

 

Kind meiner Zeit

Es ist mir fast mein ganzes Leben gelungen,

mich aus fremden Rhythmen zu stehlen,

ein beharrlicher Dieb der eigenen Zeit,

der seinen Puls nach seinem Impuls setzte.

Ich war ein Kind meiner Zeit,

das beharrlich seine Momente maß,

den Stoff seiner Träume,

heimlich auf sich zugeschnitten.

 

 

 

 

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