Neue Gedichte von Klaus Martens

 

Dezember 2018

 

Mehr nicht

Ich bin schon älter,

gehöre nicht zu

den Neueren, Jüngeren,

zu den Aktuellen,

den Sensationellen.

Vielleicht hätte ich

in die Hauptstadt

ziehen sollen, dorthin,

wo die Förderlotterie

das Steuergeld verteilt.

Hier, wo ich wohne,

spreche ich nicht

den Dialekt, bete nicht

am Wegkreuz und bin

nicht in der richtigen

falschen Partei – einerlei.

Manchmal gelingt mir

ein Gedicht – mehr nicht.

 

Kind meiner Zeit

Es ist mir fast mein ganzes Leben gelungen,

mich aus fremden Rhythmen zu stehlen,

ein beharrlicher Dieb der eigenen Zeit,

der seinen Puls nach seinem Impuls setzte.

Ich war ein Kind meiner Zeit,

das beharrlich seine Momente maß,

den Stoff seiner Träume,

heimlich auf sich zugeschnitten.

 

Kleber

Mir kleben die Zeiten tief im Hirn,

hängen wie Gummi an den Sohlen,

dies Ekelzeug in Einkaufszonen,

das dich dort halten will, als würdest

du dort wohnen zwischen wechselnden

Geschäften, wo immer schon dieselben

ihre Mieten nahmen, Tand tauschten,

ihre Höhlen Tempel nennen ließen.

 

Tief in allumfassender Gegenwart

 

klebt doch erkennbar Altes in den

Gebäudefugen, riecht der Morgen vor

den Kneipen, wie er vor Jahrzehnten roch,

sammelt es sich in den Rinnen, wie

früher schon, und wie’s sich sammeln

wird. Immer hetzt ein Besserer vorbei,

und lässt den Langsamen zurück – es ist

einerlei auf dem flachen Zeitplaneten.

 

Jagdgesellschaft

Im späten Herbst,

neblig-kalt, wie erwartet,

ist Jagd angesagt

auf den Feldern, Wiesen

und in den Gehölzen,

wo wenig mehr sicher ist –

die Tiere werden gepflegt

von den Jägern, dezimiert,

damit sie nicht hungern,

Jäger und Tiere: Weniger

ist mehr – ein Gesetz,

dem manche gehorchen müssen,

die Rehe und Schweine,

die Füchse und Bären und

die zahllosen Neunzehnjährigen

in ihren braun oder grauen Mänteln,

die, gefallen, auf der Strecke bleiben,

wo, am Ende, niemand ins Horn bläst.

 

Kontusion

Die Nadelspitze glitt sanft

in Haut und Fleisch und Vene,

wie eine Mückenlanze

suchte sie dein Blut und sog

und zog es aus deinem

in ihr Inneres, wo Platz war

für deinen Saft, der zu kosten war,

zu schätzen und zu prüfen.

Hieltest du den Atem an,

dachtest du ans Himmelreich?

Als du hinaus tratest,

war der Arm verwirrend blau,

wie der neu geborene Himmel.

 

Saiteninstrumente

Alle Saiteninstrumente

haben zu mir gesprochen

mit ihren feinen Stimmen

und manchen bin ich gefolgt,

dem volkstümlichen Zug

bin ich gefolgt, nie ein Meister,

kaum ein Könner, doch immer

ein Liebhaber, ein Entdecker

der Welten in vier, fünf,

sechs Saiten, die Hände an

ihren zitternden Körpern –

hab sie ausgepackt, angefasst.

Nur die Violine blieb mir

in ihrem Haus verschlossen.

Doch hab ich sie dennoch geliebt.

 

Unwahr

Es ist nicht wahr,

dass die Furcht uns beflügelt:

Wir haben nicht Hermes´ Schuhe,

wir tragen keinen Helm

außer unseren Haaren,

sie flattern im Wind,

doch sie fliegen auch nicht.

Unsere Schuhe sind schwer

und kleben am Boden –

So ergreifend unser langsamer Gang

den Lebensweg entlang.

 

Neuer Boden

Der Teppich fliegt nicht mehr,

er liegt totgetreten da.

Ein neuer Boden muss her,

wie wär´s mit Parkett,

diplomatisch oder hochpolitisch?

Wir verlegen ihn gemeinsam:

Neue Arbeit ist nicht schwer,

alte Arbeit fest getretene Zeit.

Nun lasst uns achtsam sein,

falls sich der neue Boden öffnet.

 

 

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