Neue Gedichte von Klaus Martens

 

Februar 2019

 

Sprungweise

Eigentlich konnte ich sie nicht ausstehen,

die kleine Schallplatte – Erwartung enttäuscht,

fort war mein Taschengeld!

Ich ließ sie auf dem Plattenteller liegen,

mitten am Nachmittag, als die Sonne

durch mein Fenster schien und die Scheibe

stetig erwärmte, so dass sie sich verbog –

unbrauchbar!  Später hörte ich, was noch

abspielbar war, stückweise, bis die Nadel

von einer Welle geworfen wurde, wieder

und wieder, an mehreren Stellen. Ich begann,

sie sprungweise mehr zu mögen, die Platte,

den Sänger, geliebtes, unvergessenes Lied.

 

Samstag als Möglichkeit

Alles war kürzer –

der Schulmorgen,

die Öffnungszeiten,

das Mittagessen.

 

Länger war die Heimfahrt,

das Fahrrad fuhr Kreise

und Serpentinen,

zu dritt auf dem Weg.

 

Pausen an Geschäften

(bald geschlossen),

Pläne für nachmittags

und den kurzen Abend

 

vor dem langen Sonntag,

mit dem ewigen Morgen,

dem andauernden Frühstück,

dem Gedanken an Montag.

 

Es war ein Hotel

Es gab da ein Hotel

mit einem leeren Café.

Der Tresen war staubig,

das Becken war trocken.

Die Zimmer standen offen,

die Betten waren gestorben,

wie das Hotel, das hohl

auf seinen Fundamenten stand

und hinter seinen geschlossenen

Fenstern nicht mehr atmete.

Es war ein Hotel für Dänen

und für Holländer, denen

alles zu teuer war. Sie putzten

Schuhe mit den Vorhängen

und traten das Linoleum streifig.

Es gab da ein Hotel, das war

einmal ein lautes, frohes Glück.

Niemand kommt zurück, niemand.

 

Die andere Emily

Die andere Emily schrieb und malte,

aber wenig Gedichte –

sie erzählte und bildete ab,

was sie beim Sehen empfand,

in großen braunen und grünen Strichen

das Holz, das aus Holz gehauene,

die Dinge und die Schatten

von Wald und See – sie zog

mit Wagen und Esel wie ein Tinker

durch das noch verwunschene Land,

das sie, mit ihren Augen, fand.

 

Im Hirnwald

Schlängelnde Verästelungen

kleiner Bäume im weißlichen Grün

an den bizarren Leibern

greifen nach dem feuchten Licht

der obersten Blättertarnung,

fangen sich verirrte Insekten,

Tropfen, die von den Ästen fallen,

fliegen und tonlos im alten Mulch

einschlagen zwischen hohlen

Nüssen irgendeines Baumes

in diesem einst sorgsam bedachten

Garten am unbestellten Hang.

Nun geh schon, nur zu und hindurch,

denk dir dein Teil, geh mit Furcht.

 

Untergang

Nach dem langsamen Sinken des Schiffes,

nach dem seufzenden, schreienden,

stillen Verschwinden von Besatzung und Passagieren

bleiben ein paar vereinzelte Köpfe über Wasser,

zwei oder drei, hier oder dort –

manchmal ein unwillkürliches Treffen,

kaum ein Wort, wegen der äußeren Kälte,

dem schwindenden Gefühl.

Dort hebt sich noch eine Hand, ein Arm –

ein Gruß. Dir auch, dir auch. Gute Nacht.

 

Kälteeinbruch

Bricht die Kälte bei uns ein

oder brechen wir in sie ein,

wie durch dünnes, klares Eis,

wie durch dicken Frost

auf der Wiese, wie durch

dies verdammte, aufgesetzte

Lächeln, das in eisige Scherben

fällt, geht es ums Geld?

Nein, wir sind in aller Kühle

freundlich und geben dennoch

nichts, nicht den Zehner für

den Zeitungmann, die Boten,

keinen Taler für die süßen

Sammler der vergoldeten Kirche.

Ja, ich bin alt, das Herz wird kalt.

 

Mehr nicht

Ich bin schon älter,

gehöre nicht zu

den Neueren, Jüngeren,

zu den Aktuellen,

den Sensationellen.

Vielleicht hätte ich

in die Hauptstadt

ziehen sollen, dorthin,

wo die Förderlotterie

das Steuergeld verteilt.

Hier, wo ich wohne,

spreche ich nicht

den Dialekt, bete nicht

am Wegkreuz und bin

nicht in der richtigen

falschen Partei – einerlei.

Manchmal gelingt mir

ein Gedicht – mehr nicht.

 

Kind meiner Zeit

Es ist mir fast mein ganzes Leben gelungen,

mich aus fremden Rhythmen zu stehlen,

ein beharrlicher Dieb der eigenen Zeit,

der seinen Puls nach seinem Impuls setzte.

Ich war ein Kind meiner Zeit,

das beharrlich seine Momente maß,

den Stoff seiner Träume,

heimlich auf sich zugeschnitten.

 

 

 

 

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