Neue Gedichte von Klaus Martens

 

Juni 2018

 

 

Wanderungsbewegung

Auch ich war Teil dieser Wanderung

von Individualisten, die sich

drängten und schoben und zuerst

dran sein wollten oder wenigstens

vorne, wenn auch nicht allein, sondern

Teil des großen anonymen Trecks

zur Vergewisserung des Kurses

auf dem ungewissen Trampelpfad

der Mode. Auch ich trug einmal

die blaue Kappe und fiel damit auf

in der Menge, bis ich sie ablegte,

weil sie nicht hielt, was ich mir

versprach – ich stand dann allein

am Straßenrand und wartete darauf,

dass die Zeit mich endlich mitnahm.

 

Aus dem Nest

Das Jugendnest voller Federn

ist aus dem Baum gefallen,

ist endlich fortgeweht.

 

Ein kleines Rad aus alten Zweigen

rollt es fort, angetrieben von

kalten Böen neuer Zeit –

 

ein paar alte Schalen hängen drin,

Fragmente ausgeflogener

Träume, Splitter falscher Erinnerung.

 

Am Berg

Wohnst du am Berg,

sagen wir: auf halber Höhe,

hörst und siehst du

das Unwetter: den Regen.

die Blitze, doch überschwemmt

wirst du nur von Gefühlen.

Die Flut schießt an dir vorbei

ins Tal, wo Bäume treiben.

Du hörst die Sirenen,

bedenkst die Not der unsichtbaren

Leute da unten, das ist es schon.

Schläfst du besser

bei dem Rauschen draußen,

bei dem Donner, verspürst du

ungewohnte Geborgenheit?

Das macht die Nähe der Gefahr.

Vielleicht rutscht dein ganzes Haus

mit Dach und Fundament. Noch

kannst du es nicht spüren.

 

Schober

Schober stehen im Meer,

massig spitz,

Grand-Canyon-Monumente

ohne Umfeld,

nur Wellen, hoch und schäumend

in Ufernähe.

Manche haben Torwege

ohne Türen,

alle sind umlagert von Geröll.

Viele sind bewachsen

wie halbe Matterhörner

in Miniatur, riesige Miniaturen.

Kann man, im Sommer,

in diese Schober gehen, zu zweien,

das Gemütswetter zu genießen?

Man würde besprüht vom Salzwasser

und hätte Durst nach mehr.

 

Fortschritt

Die Zeit ist fortgeschritten,

sie ist uns ferngerückt.

Sie war unsere Gegenwart,

die Zukunft ist mir ihr fort.

Die Zeit ist in der Ferne,

wo leben wir denn jetzt?

Außer aller Zeit. Sie liegt

verschlossen in den Uhren,

alt und unerreichbar weit.

 

Taube

Eine Taube, aus dem Nest gefallen,

auf dich gekommen –

sie kann nicht fliegen,

ihre Flügel bleiben verletzt.

Du hast sie gerettet und aufgezogen.

Du bist jetzt die Taubenmutter.

Manchmal spricht sie mit dir,

sie wartet geduldig auf dich, den Tag lang.

In der Nacht verlässt sie dich nicht.

Du sollst sie fliegen lehren,

da sie nicht Mensch sein kann.

 

 

 

Neuer See

Er wird gespeist aus einem Graben,

vom Regen – gibt es eine Quelle?

Der See liegt still. Am Rande

taumeln Kröten übereinander.

Laich verdickt das Wasser um

das Röhricht. Die Forellen sind

gut genährt. Sie fangen unsichtbare

Insekten aus der Luft. Unbelehrbares

Volk. Der See ist jung und ruht,

noch frisch, in seiner Grube.

Seine Ufer sind künstlerisch geformt.

Reiher landen und Gänse.

Ich glaube, das Jahr hat begonnen.

 

Ein Lehen

Wäre ich Sänger mit einer Laute

oder ein leiser Minister,

hätte ich nur die Grenzen meiner

Pfründe zu erkunden,

dann fiele mir weniger ein oder auf,

mein Papier bliebe leer,

doch nicht  mein Magen –

so aber häufe ich an oder auf

an Gedanken und Bildern,

mir meinen eigenen Garten zu bauen,

mit einer Bank zum Schauen.

 

Reisigsammlerin

Sie sammelt im Frühjahr

das Reisig unter den Birken,

heruntergerissen von Alter

und Schnee, gebrochen im Frost –

Reisig, oft bedeckt von Blättern,

braun auf grau, auch Flatschen

der Birkenhaut, die nun frisch

sich zeigt für die neue Saison,

während das knospenlose Reisig

auf den Brand wartet im Winter,

der kommt, kommen muss

wie von alters her auf dem Rücken

einer krummen, märchenhaften

Sammlerin, die sorgt, die vorsorgt.

 

 

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In Memoriam Derek Walcott

(1931-2017)

(Aus: Klaus Martens Alter Knochens spricht und andere neue Gedichte. Amarant, Saarbrücken 2011.)

 

Karibischer Dichter

Für D.W.

Zuhause, mein Freund, im englischsprachigen Haus,

hat man dich schnell verräumt, vom Empfangszimmer

in eine Ecke der Bibliothek. Dies große, weiße Haus

mit der Freitreppe und dem unblühenden Garten

 

sieht seine bunten Bewohner gern in anderen Rollen:

Weißzahnig grinsend am Ruder des Ausflugsbootes,

dekorativ auf dem Schnappschuss mit den Damen –

aber als Champion der ungebändigten, salzigen Sprache?

 

Das fiel schwer, als der rote Neger nobel wurde. Doch

gab es andere Eigenheiten der Akademie vor dir: St. John

Perse war stubenrein. Soyinka, Morrison, Naipaul –

zu viele waren es nicht, aber, den Schweden sei Dank,

 

sie machten viel falsch, aber diese wählten sie richtig. Ich

denke an deine Rettung einer ganzen Region aus dem

imperialen Schiffbruch, mit den farbigen Fischerbooten

deiner voll beladenen Sprache, die Errettung der Wörter

 

aus Faltblättern der Touristik in dein Wörterbuch neuer

Welt, klarsehender Homer deines Inselreiches. Der Friede

ruhiger Wasser begleite dich und besänftige die Bitternis

des wirklich Heimischen in einer Welt voll Fremder.

 

In Memoriam Thomas Lux

1946-2017

 

Er war der Sohn des Milchmanns,

war groß und kräftig und nicht

fromm – seine Denkungsart war

sorgsam und geschärft und seine

Zeilen im Gedicht mal wie Hiebe

mit dem Florett und manchmal

mit dem baseball-bat. Er war sanft

und rücksichtsvoll, doch wenn er

stand, aufrecht, mit weiter Geste,

weit, weit, weit wie ein Decasyllabus,

drang er ein und durch – seine

Position war die Opposition.

Er war ein Antinom zu allem, was

Recht und Harmonie verpestet.

Er war, ihr kennt ihn doch? Poet.

 

 Alle Copyright by Klaus Martens 2017