Neue Gedichte von Klaus Martens

 

Mai 2018

 

Taube

Eine Taube, aus dem Nest gefallen,

auf dich gekommen –

sie kann nicht fliegen,

ihre Flügel bleiben verletzt.

Du hast sie gerettet und aufgezogen.

Du bist jetzt die Taubenmutter.

Manchmal spricht sie mit dir,

sie wartet geduldig auf dich, den Tag lang.

In der Nacht verlässt sie dich nicht.

Du sollst sie fliegen lehren,

da sie nicht Mensch sein kann.

 

Die Durchreiche

Von der Küche an den Tisch,

vom Tisch in Mund, Magen

und Gedärm – nichts wird so

gegessen und verdaut,

wie es zubereitet wird – aber

die Substanz bleibt gleich:

Der Minister wird Industrieller,

wird Sportvereinsvorstand,

eröffnet Messen und Treffen

von Autoren, schreibt Bücher

und rezensiert, wird Lottochef

und Wohltäter und verteilt

Verdienstplaketten an

Ortsvereine und die Feuerwehr.

Niemand fällt in ein Loch,

jeder wird aufgefangen, wird

durchgereicht und bekommt

sein ehrendes Andenken, bei uns.

 

Wärme

Wir wärmen uns an erlöschenden Feuern,

das blakende Öl und Gas, der Rauch

von Kohle und Holz, die glimmende Sonne.

Sie werden uns einst nicht mehr wärmen.

 

Langsam wird uns unser Fell wieder wachsen

über der dicken Haut. Einige von uns werden

alles überstehen. Sie werden die lange

Toten sein, deren Steine niemand mehr liest.

 

Auf meine Kosten

Natürlich gehen die offiziellen Dinge

auf meine Kosten – das Haupt- und Staatsflugzeug,

die Dicklimousinen, die ich mir nicht leisten kann,

die Bankette und Geschenke

(die ich nicht absetzen könnte),

die verborgenen Urlaube in Acapulco

oder den bayrischen Alpen.

Na ja, und natürlich die Renten nach kurzer Dienstzeit,

von denen eine Wandergruppe Rentner

lange leben, ja ihre Leben verlängern könnte.

Aber wir werden, wie gute Esel und Ziegen,

im Zaum gehalten. Es wird auf mein Verhalten,

meine Pünktlichkeit und meinen Fleiß geschaut.

Der Dachverband achtet darauf, dass kein Segen

auf mich kommt.  Ist das neu?  Nein, es ist gewohnt.

Was ich nicht alles tragen kann!

 

Neuer See

Er wird gespeist aus einem Graben,

vom Regen – gibt es eine Quelle?

Der See liegt still. Am Rande

taumeln Kröten übereinander.

Laich verdickt das Wasser um

das Röhricht. Die Forellen sind

gut genährt. Sie fangen unsichtbare

Insekten aus der Luft. Unbelehrbares

Volk. Der See ist jung und ruht,

noch frisch, in seiner Grube.

Seine Ufer sind künstlerisch geformt.

Reiher landen und Gänse.

Ich glaube, das Jahr hat begonnen.

 

Ein Lehen

Wäre ich Sänger mit einer Laute

oder ein leiser Minister,

hätte ich nur die Grenzen meiner

Pfründe zu erkunden,

dann fiele mir weniger ein oder auf,

mein Papier bliebe leer,

doch nicht  mein Magen –

so aber häufe ich an oder auf

an Gedanken und Bildern,

mir meinen eigenen Garten zu bauen,

mit einer Bank zum Schauen.

 

Reisigsammlerin

Sie sammelt im Frühjahr

das Reisig unter den Birken,

heruntergerissen von Alter

und Schnee, gebrochen im Frost –

Reisig, oft bedeckt von Blättern,

braun auf grau, auch Flatschen

der Birkenhaut, die nun frisch

sich zeigt für die neue Saison,

während das knospenlose Reisig

auf den Brand wartet im Winter,

der kommt, kommen muss

wie von alters her auf dem Rücken

einer krummen, märchenhaften

Sammlerin, die sorgt, die vorsorgt.

 

 

 

noch als Held der Revolution.

 

Weiße Wolke

Diese wunderbare weiße Wolke

im blauen Nachmittag

ist kein Sommerwölkchen –

Sie steigt aus einem unsichtbaren

Schornstein hinterm grünen Berg,

dort drüben –

nicht alles ist so gut getarnt

in diesem warmen Frieden,

doch auch Wissen ist nicht Macht.

 

 

 

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In Memoriam Derek Walcott

(1931-2017)

(Aus: Klaus Martens Alter Knochens spricht und andere neue Gedichte. Amarant, Saarbrücken 2011.)

 

Karibischer Dichter

Für D.W.

Zuhause, mein Freund, im englischsprachigen Haus,

hat man dich schnell verräumt, vom Empfangszimmer

in eine Ecke der Bibliothek. Dies große, weiße Haus

mit der Freitreppe und dem unblühenden Garten

 

sieht seine bunten Bewohner gern in anderen Rollen:

Weißzahnig grinsend am Ruder des Ausflugsbootes,

dekorativ auf dem Schnappschuss mit den Damen –

aber als Champion der ungebändigten, salzigen Sprache?

 

Das fiel schwer, als der rote Neger nobel wurde. Doch

gab es andere Eigenheiten der Akademie vor dir: St. John

Perse war stubenrein. Soyinka, Morrison, Naipaul –

zu viele waren es nicht, aber, den Schweden sei Dank,

 

sie machten viel falsch, aber diese wählten sie richtig. Ich

denke an deine Rettung einer ganzen Region aus dem

imperialen Schiffbruch, mit den farbigen Fischerbooten

deiner voll beladenen Sprache, die Errettung der Wörter

 

aus Faltblättern der Touristik in dein Wörterbuch neuer

Welt, klarsehender Homer deines Inselreiches. Der Friede

ruhiger Wasser begleite dich und besänftige die Bitternis

des wirklich Heimischen in einer Welt voll Fremder.

 

In Memoriam Thomas Lux

1946-2017

 

Er war der Sohn des Milchmanns,

war groß und kräftig und nicht

fromm – seine Denkungsart war

sorgsam und geschärft und seine

Zeilen im Gedicht mal wie Hiebe

mit dem Florett und manchmal

mit dem baseball-bat. Er war sanft

und rücksichtsvoll, doch wenn er

stand, aufrecht, mit weiter Geste,

weit, weit, weit wie ein Decasyllabus,

drang er ein und durch – seine

Position war die Opposition.

Er war ein Antinom zu allem, was

Recht und Harmonie verpestet.

Er war, ihr kennt ihn doch? Poet.

 

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