Neue Gedichte von Klaus Martens

 

September 2018

 

Er kennt mich

Der Mann da vorn,

der mit dem Apfelpflücker

am langen Arm,

kennt mich. Er hält inne,

entnimmt dem Säckchen Äpfel,

bietet mir einen an

und sagt, er habe mich

schon lange nicht mehr gesehen

und ob das mein Hund sei,

der mit den verschiedenfarbigen Augen.

Ich bestätige, reiche die Hand,

nehme den Apfel.

Er sagt, er sei 80, was man ihm,

sage ich, nicht ansieht.

Er sei ja Polizist gewesen, sagt er,

da müsse man sportlich sein.

Er misst mich mit einem Blick

und wünscht mir nur Gutes, als ich weiter gehe.

Ach, ruft er, kennen sie den Mann,

den Lehrer, der hier manchmal

mit seinem Hund gegangen ist? Ich habe

ihn lange nicht gesehen. Ich bedauere,

wünsche einen guten Tag und gehe weiter

mit meinem Hund, um die Äpfel

auf dem Boden herum tretend.

 

Zeit der Walnüsse

Es ist eine späte Zeit,

eine Zeit der Reife der Späten,

wohl verpackt im grünen Pelz,

der manchmal platzt,

bevor er altert, einschwärzt,

trocknet und doch den Kern

nicht frei gibt, der, reif,

im Innern wartet auf den,

der ihn bewahren wird für

den fruchtlosen Winter, der kommt,

unweigerlich kommt und anrollt,

wie auf Nüssen, polternd rollt.

 

Was uns hält

Unsere schiere Masse hält uns,

balancierend, aufrecht –

auf dem Rückgrat ruht der Kopf

und sucht nach Gleichgewicht

für uns, die wir schwanken

in der seekranken Welt,

die uns wundersam erhält –

wir unsicheren Figuren,

während es dauernd drückt

und an uns zieht, bis es uns hat,

wohin wir immer sollten,

aufrecht, aber endlich horizontal

 

Zugehörigkeit

Ich gehöre zu jenen,

die ihre Meinung selten ändern,

es sei denn, sie werden überzeugt

und nicht bedroht oder angeherrscht

oder, schlimmer noch, ignoriert

von denen, die ihre Meinungen

längst geändert haben:

die Wetterwendigen vor der nächsten Wahl

oder danach, die den Sonnenschein suchen

und uns im Regen stehen lassen.

Ich gehöre zu den Langsamen,

die lange lesen und sich viel merken,

deren Kopf nachhaltiger ist

als die übliche Wahlurne.

Ich gehöre zu den Zuhörern,

den Aufmerksamen, den Übelnehmern.

 

 

Apportier

Wird ein Stöckchen geworfen,

springt das Hündchen hinterher,

bringt es dir. Aber willst du es?

Nun wirfst du es in den See,

den kalten See mit Steinen.

Hündchen lacht und springt

und bringt’s und schüttelt dich

nass. Noch einmal? Noch einmal.

Das Hündchen liebt dich sehr.

Liebst du es? Wer liebt mehr?

 

Angedenken

Ich wünschte, du wärst hier,

bei mir, und wärest genauso

wie du warst, als ich noch

deine Liebe war, das Original

der Kosenamen, die du fandest,

als ich noch war, wie ich war,

bevor wir auseinanderliefen,

als wir stumm unsere Namen

riefen, als auf Kosenamen

niemand hörte, als wir unser

beider Namen trennten,

als wir als Fragmente stummten.

 

Spiel 2

Womit wird in 30 Jahren gespielt,

nachdem unser Kinder Spielzeugkiste

Antiquität geworden ist –

wird der Teddy virtuell sein,

und die Puppe, wird sie laufen können,

allein an deiner Hand, meine Urenkelin?

Werdet ihr eure kleinen Autos steuern

oder die Tenderlok der Eisenbahn?

Ich denke, sie werden verschwunden sein

wie wir. Es bleibt ein kleines Rad im Sand,

wo wir spielten. Werdet ihr es finden?

 

Im Hitzemeer

Die Sonnenglut

war wie ein Element,

das Wasser verdrängte

und Schwimmen verbot.

Selbst das Boot blieb,

wo es den Winter war,

der Anleger blieb leer.

Alles verschwamm

im wabernden Hitzemeer.

 

In Bronze

Für fast alles gibt es ein Formular,

eine Formel, eine Form,

in die nur einzusetzen ist, was

jemand von dir verlangt, bevor

du eine Erlaubnis erlangst,

einen Pass, einen Passierschein –

einen Friedhofsplatz erhält nur,

wer bekannt ist und mit einem

Eintrag übereinstimmt oder doch

der Erwartung an ihn, das dort

liegen wird, der auf dem Stein

genannt wird mit seinen Daten.

Ob der fromme Spruch stimmt?

Wer der Überlebenden beruhigt

sich selbst, in dem er in Bronze lügt?

Ich bin nicht der, an den ihr denkt.

Geboren bin ich, mir nie gestorben.

 

Symbolkraft

Irgendwo unter dem verdorrten Gras des Sommers

liegt der grüne Sumpf des Frühjahrs – man erkennt

ihn an vereinzelten Flechten, die noch nicht aufgeben,

während selbst der Fels da vorn am Tor bricht

und das letzte Moos von ihm abfällt, als wäre es

Bewunderung für seine Stetigkeit und Kraft –

so geht das mit Symbolen, die Zeit wird sie einholen.

 

Fortschritt

Die Zeit ist fortgeschritten,

sie ist uns ferngerückt.

Sie war unsere Gegenwart,

die Zukunft ist mir ihr fort.

Die Zeit ist in der Ferne,

wo leben wir denn jetzt?

Außer aller Zeit. Sie liegt

verschlossen in den Uhren,

alt und unerreichbar weit.

 

Taube

Eine Taube, aus dem Nest gefallen,

auf dich gekommen –

sie kann nicht fliegen,

ihre Flügel bleiben verletzt.

Du hast sie gerettet und aufgezogen.

Du bist jetzt die Taubenmutter.

Manchmal spricht sie mit dir,

sie wartet geduldig auf dich, den Tag lang.

In der Nacht verlässt sie dich nicht.

Du sollst sie fliegen lehren,

da sie nicht Mensch sein kann.

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In Memoriam Derek Walcott

(1931-2017)

(Aus: Klaus Martens Alter Knochens spricht und andere neue Gedichte. Amarant, Saarbrücken 2011.)

 

Karibischer Dichter

Für D.W.

Zuhause, mein Freund, im englischsprachigen Haus,

hat man dich schnell verräumt, vom Empfangszimmer

in eine Ecke der Bibliothek. Dies große, weiße Haus

mit der Freitreppe und dem unblühenden Garten

 

sieht seine bunten Bewohner gern in anderen Rollen:

Weißzahnig grinsend am Ruder des Ausflugsbootes,

dekorativ auf dem Schnappschuss mit den Damen –

aber als Champion der ungebändigten, salzigen Sprache?

 

Das fiel schwer, als der rote Neger nobel wurde. Doch

gab es andere Eigenheiten der Akademie vor dir: St. John

Perse war stubenrein. Soyinka, Morrison, Naipaul –

zu viele waren es nicht, aber, den Schweden sei Dank,

 

sie machten viel falsch, aber diese wählten sie richtig. Ich

denke an deine Rettung einer ganzen Region aus dem

imperialen Schiffbruch, mit den farbigen Fischerbooten

deiner voll beladenen Sprache, die Errettung der Wörter

 

aus Faltblättern der Touristik in dein Wörterbuch neuer

Welt, klarsehender Homer deines Inselreiches. Der Friede

ruhiger Wasser begleite dich und besänftige die Bitternis

des wirklich Heimischen in einer Welt voll Fremder.

 

In Memoriam Thomas Lux

1946-2017

 

Er war der Sohn des Milchmanns,

war groß und kräftig und nicht

fromm – seine Denkungsart war

sorgsam und geschärft und seine

Zeilen im Gedicht mal wie Hiebe

mit dem Florett und manchmal

mit dem baseball-bat. Er war sanft

und rücksichtsvoll, doch wenn er

stand, aufrecht, mit weiter Geste,

weit, weit, weit wie ein Decasyllabus,

drang er ein und durch – seine

Position war die Opposition.

Er war ein Antinom zu allem, was

Recht und Harmonie verpestet.

Er war, ihr kennt ihn doch? Poet.

 

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