Neue Gedichte

Januar 2020

Auftauchen

Aus der unruhigen See

tauchen immer mehr Köpfe auf,

neue, lebende, überlebende

nach dem Untergang

der alten rostigen Zeit,

sie rufen, schreien, machen aufmerksam

auf sich – sie sind die

Bleibenden während Ebbe und Flut;

ihre Zehen werden den Boden fassen,

sie werden aufstehen und gehen,

dorthin, wo sie hingehören,

weiter als wir sind,

als wir noch gewesen sind

Anders

Heute ist der zweite Tag,

an dem alles anders werden soll,

aber noch ist der Himmel bedeckt,

wie gestern und gleiche Laute

tönen aus der Stadt.

Es ist so schwer nicht an der gleichen

Stelle Gas zu geben,

sondern an ihr zu halten.

Rot ist rot, wie gestern auch,

und du gehorchst dem seelenlosen Licht

wie andere dem Grün, brav,

mit dem Hut in der Hand und

nicht wirklich zu glauben oder zu wissen,

sondern anders dabei zu fühlen, nutzlos.

Eden

Es ist ja wohl der erste Tag,

nicht des ersten Jahres,

aber es gibt neue Versprechen

und Vorsätze. Trägst du neue Kleider?

Nein, aber einen Apfel isst du –

Sie lacht herzlich mit dir, nicht

über dich. Aber einer ärgert sich immer,

du weißt schon, wer: Es ist der

Gärtner, der im Winter Zeit hat

und nicht auf seine Tiere achtet,

die zu uns sprechen, alle, hör zu.

Was uns erwartet

In Australien brennen die Wälder,

hier steigt der Nebel aus den Bäumen,

Sprühregen durchtränkt unsere Haare.

Die Wolken betrachten uns kühl,

wir erkennen November wieder,

Der nächste Monat lebt von

den alten Formeln und verschmiert

sich den Mund mit Schokolade.

Und dann ist’s auch schon zu Ende.

Es war eine traurige Veranstaltung,

dieses Jahr. Was erwartet uns demnächst?

Frischer Brand aus Eukalyptusbäumen,

aus denen gesottene Koalas fallen?

Trotz des Hungers

Trotz des Hungers nimmt mein Magen

nicht mehr auf – ein paar Reste hier und da,

dann wirkt die Betäubung wieder, die er

sich selbst verordnet hat, einfach so.

Wir mögen nicht mehr, wir mögen wenig.

Machen wir uns Appetit? Womit denn nur?

Also hungern wir bis zur Übelkeit,

mein Magen und ich und der Kopf,

der auf mir meinen Willen hat, genug hat.

Hartes Gras

Das Gras hier oben ist nicht sehr hoch,

aber auch nicht kurz geschnitten –

es steht in zähen Büscheln, zwischen denen

gestern oder vorgestern einmal Wasser

gestanden haben mag.  Man kommt leicht

ins Stolpern, wenn man nicht den Blick

am Boden hält. Es gibt Kaninchen und

Feldhasen hier, und ich weiß, zwischen

den verkrüppelten Apfelbäumen stehen

Rehe, ja ein ganzes Rudel, aber es rührt

sich nicht. Nun ein Widerstand – ich wäre

fast gefallen, doch es war nur hartes Gras. 

 

Wer kommt?

Dahinten kommen welche,

aber sie sind es nicht.

Sie grüßen, aber sie kommen

nicht herein. Sie sind so frei,

und wir sind an Versprechen gebunden.

Also wird der Kaffee kalt,

der Kuchen wird trocken.

mein Herz und Gedächtnis

frieren ein: Sie sind nicht gekommen.

Alte Musik

Manno, war das schwer gewesen!

So zu spielen wie er, wie sie.

Es war ein Traum gewesen! Wer

hatte solche Instrumente, wer

spielte mit solcher Technik?

Wir hörten zu mit vollen Herzen.

Und wir spielten und übten,

bis uns die Finger schmerzten,

aber es war irgendwie falsch,

es wurde einfach nicht richtig,

nicht so wie auf diesen Platten,

die wir zu Tode nudelten.

Und heute?  Heute höre ich

manchmal, wenn jemand „unsere“

Stücke spielt, die unglaubliche

Leichtigkeit seines Spiels. Wir sind

in einer Welt zurückgeblieben,

die nur unser Staunen zuließ.

Alle Copyright by Klaus Martens 2020