Neue Gedichte

Juni 2020

Kleines Haus

Dies wird ein kleiner Kasten,

vielleicht ein kleines Haus,

mit schiefem Dach

und schiefen Wänden.

Die Tür ist offen für den Wind,

die Fenster sind noch ohne Glas

und lassen meine Blicke raus

in den unordentlichen Garten –

na gut, ein paar Tomaten,

Kartoffeln, Erbsen, Bohnen,

was man braucht, um hier zu wohnen,

wo sonst niemand wohnt

außer mir und meinem Buch,

das mich täglich unterrichtet,

wo ich auflese, was mir fehlt.

Zertrümmert

Die ersten vorsichtigen Läden eröffneten auf Trümmergrundstücken.

Gemüse kam in Kisten unter selbstgebastelten Sonnenschirmen.

Obst kam in Kisten, Äpfel zumeist, Kirschen und Birnen.

Milch wurde aus einem Verschlag aus Holz und Teerpappe geholt

von Kindern mit zerbeulten Blechkannen.

Erst später gab es sie in dicken Glasflaschen, schwer waren die.

Gab es Autos? Natürlich gab es Vorkriegsautos,

zum Beispiel schwarze Opel Olympias, mit und ohne Buckel

und DKWs aus Holz und steifer Pappe. Etwas Metall? Vielleicht.

Sonst fuhren uralte Laster von Büssing und Hanomag oder einfach Pferdewagen

mit Kohlensäcken, Kartoffeln oder, im Sommer, mit Eisblöcken

für die alten Kühlschränke aus Holz. Fisch kam auf tropfenden

Lastwagen, wenig gekühlt, direkt aus dem Hafen. Fisch, lernte man, stank.

Kleiderläden gab’s kaum. Es gab Posamentierläden, wo’s Stoff gab

und Knöpfe, Garn von Gütermann und Nähnadeln und Stopfnadeln,

Fingerhüte für die alten Singer-Nähmaschinen zuhause.

Es gab soviel umzuschneidern, umzufärben, das Wehrmachtszeug,

schwarze Kappen ohne Kokarde, Wollmäntel, Pumphosen.

In den wenigen Tante-Emma-Läden gab’s Mehl und auch Zucker

und alles andere, bis auch ein Schlachter aufmachte, der’s schwer hatte:

Einmal in der Woche, sonntags, gab’s etwas Fleisch und Wurst,

meistens für Papa, der die Kraft brauchte. Zum Glück gab’s bald

Makkaroni und Spaghetti, aber immer Erbsen und Linsen.

Es war eine ziemlich menschenleere Welt, diese erste Heimat,

schlank und schlecht ernährt, aber voll unbegründeter Hoffnung.

Glaubenszoo

Der Glaubenszoo liegt immer

in prächtigem Gelände,

wo Freilauf nicht gestattet ist.

Der Eintritt ist fast umsonst,

das Bleiben erfordert Anpassung

in Kleidung und Auftritt

und Glaube an die schönen Motti

in ihrem speziellen Buch –

ihr Gesang als Choral ist eine

Qual, aber verpflichtend –

Die Vorzugsmitgliedschaft ist

an die Patenschaft für Schafe

gebunden. Haben sie ein besonders

feines Fell, darf geschoren werden

für den Mantel des Vorsitzenden.

In unserem Haus

Wir sind noch in unserem alten Haus

mit den defekten Leitungen

und der antiquierten Küche.

Der Ofen ist kalt, der Wasserhahn

wackelt, aber die Aussicht

aus den alten Fenstern ist noch gut

auf die anderen alten Buden,

manche versteckt hinter neuer Farbe,

andere von ihrer Einrichtung gestützt.

Ja, hier wohnen wir noch, das Heim

wollen wir uns nicht leisten, auch

weil es so modern ist und belebt.

Hier ist es still und wir sind zusammen.

Du bist hier und der Hund und ich.

Ich denke, es ist gut in unserem Haus.

Das Gedicht ohne

Was wäre das Gedicht ohne den Blick aus dem Fenster,

der die Welten verbindet – die reale Welt innen

und die phantastische Welt draußen, der Blick in die

riesigen Räume, die beide vergehen, zu anderen Zeiten?

Es hielte sich mühsam an den Reimen der Dinge,

umklammerte sich mit eigenen Armen, hielte sich nur

an sich selber fest, den abgelebten Formeln und Gedanken,

die Einblicke vortäuschen, die Lügen der Wörter.

Neues Serum

Nach allen Infekten der vergangenen Jahre –

Geiz, Rücksichtslosigkeit, Sprachverderbnis,

Schamlosigkeit, Unmenschlichkeit usw.

(ihr wisst schon) – weitet sich eine Grippe

zur Pandemie aus. Und auch daran könnten

wir sterben, da wir ja alle vorerkrankt sind (s.o.).

Ob uns jemand hilft mit einem neuen Serum?

Oder per Umbau der DNA oder einfach

per Selbsthilfe: Weitere Entmenschlichung?

Der Hafen

Im Hafen lagen Frachter Bug an Heck

die lange Kaje entlang mit den

Eisenbahnschienen und den Schienen

für die Kräne, die wie karibische Tänzer

hin und her schwangen, die Schiffe

zu entladen. Beim Smutje in der Back

gab’s manchmal Bananen und Kokosnüsse

oder auch einen Schnaps in fremden Sprachen.

Dies ist der Hafen für alles aus Übersee

gewesen.  Verlandet, versandet, zugeschüttet –

keine Ballen Baumwolle, keine Säcke

Zucker, keine Rollen Tabak.  Der Geruch

wurde nicht konserviert, als alles zugeschüttet

wurde, eingeebnet, planiert und im Schach

der Regierung Parkbuchten aufgemalt wurden.

Nachts heulen Schiffspfeifen von weit her.

Trauung

Vor Meer und Strand,

barfuß im Gras,

die Zehen voll Sand

steht ihr in weiß und

taubenblau, und der

Staat mit dem weißen

Hut sagt die Worte,

die man sagt, die gesagt

werden müssen: ich

dich, du mich (Schwur

vor Zeugen). Blumen

sind rot, Wind weht,

Versprechen fliegen empor.

Flugversuch

Der Windsack bläht sich

und tanzt – frische Landeplätze

auf meinem Kopf verlangen

nach einem Hut – es wird eine

Mütze, frisch gestrickt

und in vielen Farben, aber

vor allem rot. Ach, wie schön

sie wärmt!  Aber wer erkennt mich

noch?  Niemand?  Das ist gut.

So hebe ich ab und keiner merkt’s.

Alle Copyright by Klaus Martens 2020