Neue Gedichte

Mai 2021

 

Zwei Quintette

Wenn du nichts mehr wissen möchtest

und dir die Ohren zuhältst

und das Gedächtnis verschließt

und in der Zeitung immer dasselbe liest,

auch wenn die Texte sich ändern,

 

dann ist nach zu vielen Jahren eine Schallmauer erreicht,

die durchbrochen werden muss,

bevor der Schleudersitz ausgelöst wird

und du in die tosende, tobende Realität fliegst

und dem furchtbaren Aufschlag entgegensiehst.

 

Fliegende Ratten

Falls ihr sie nicht erkennt:

Es sind Tauben gemeint,

diese widerlichen Vielvermehrer

mit den schönen Federn,

die auf kostbares Blech scheißen –

sie sollen vergiftet werden

hört man schon wieder,

wie die Ratten – beide Spezies

liefern Versuchstiere für uns,

die wir uns gegenseitig

schon längst so einsetzen

mit unseren „Lebensmitteln“

unseren Kommunikationsgeräten.

Über „Tauben vergiften im Park“,

sang Kreisler. Es ist eine

weitverbreitete Praxis bei allem,

was unsere Dummheit stört

.

Offensichtlicher Vergleich

Die Hummeln, Bienen und Wespen fliegen

und tun ihre Arbeit den Tag lang,

wie die anderen Insekten, beobachtet von

den Vögeln, vor allem den Amseln und Finken,

die auf ihren Zweigen wippend lauern

bis zum nächsten Aufschwung und Niederstoßen

auf die Fliegen und Mücken –

diese Geschwader im Überlebenskampf

 

sind mehr als die fliegenden Tornados und anderen

Jäger unter den Wolken und darin,

die nichts finden und sammeln, die immer wieder

töten üben, aber sich nicht nähren,

sondern unseren Reichtum verbrauchen,

so lange er noch vorhanden ist

unter dem Summen und Gröhlen der Motoren.

 

Greta und Attenborough

Das revolutionäre Mädchen

spricht mit dem wilden alten Mann.

Die eine ist ernst und still,

der andere spricht mir harter Güte,

beide mit Unversöhnlichkeit.

Was treibt sie an? Unser aller Wohl,

unser nahes Ende in dieser

selbstverdorbenen Welt?

Er ist bereits ein Held, sie gewinnt

den Preis, den wir nicht verdienen,

wir in Selbstgewissheit Schlafenden.

 

Mal nachsehen

Leben sie noch,

was ist aus ihnen geworden?

Erinnern sie sich an dich,

erinnerst du dich richtig?

Sieh an, der ist schon tot,

doch erst seit kurzer Zeit.

Rufst du sie an

oder lässt du es lieber?

Du würdest sie zu gern

noch einmal sprechen oder gar treffen.

Den hattest du vergessen.

Nun ist es zu spät.

Die meisten sind noch, wo sie waren.

Du bist weg gegangen.

War das richtig?

Du hast dich neu gemacht.

Ich glaube, sie haben dich gehasst.

Kein Anruf. Kein Brief. Kein Besuch.

Sie haben sich wohl in Ruhe gelassen.

 

Das Essen kommt

Das Essen kommt

mit einem hungrigen Boten,

der klingelt und lächelt

und kassiert und geht,

neues Essen zu holen

und zu bringen.

 

Wird er abends alleine speisen,

sich eine Pizza reservieren,

Hühnerteile aus dem Kühlschrank

klauben oder Spinat auftauen?

Das Essen kommt, wird gebracht.

Niemand isst mit uns.

 

Und Mut

Ich pflücke lieber wilde Beeren,

die in verlassenen Gärten wachsen,

ich pflücke lieber kleine Äpfel,

die bei Pferdewiesen wachsen,

 

ich sammle lieber Walnüsse

von vergessenen Walnussbäumen,

die keiner findet außer uns,

die wir von geheimen Stellen träumen.

 

In Brombeersträuchern, die uns stechen

ohne Mitleid, beim Verhau aus Stacheln

wachsen Früchte, die man übersieht –

Umwege kostet’s und ein bisschen Blut,

 

Beharrlichkeit, Geduld und Mut.

 

Im Netz

Es sind die Dinge des Alltags,

die mich umspinnen und halten –

der alte Schutzmann an der Ecke,

die Apothekerfrau mit den Drops,

der Bäcker mit dem Onno-Behrens-Tee

und überzuckerten Schnecken,

die dicke Gemüsefrau an ihrem Stand,

der Elektriker in seinem Kellerladen,

das Fernsehgerät in seinem Fenster,

der Pastor, der auch Autos mitanschiebt,

der Schlachter, der Schweine macht

aus Schweineschmalz, der Feuerwehrmann

im durchgeschwitzten Unterhemd.

Es ist so vieles, das mich hält in einem Netz.

Und irgendwo in einer Ecke wartet

die große schwarze Spinne und fühlt

mein Zittern, meine tiefe Bewegung.

 

Der Unreine

Der Dreck am Straßenrand, er ist

immer wieder neu wie die Apfelsinenschalen

auf dem Gehweg, der schwarze Rand

am Kragen und unter den Nägeln,

die schmutzigen, hässlichen Wörter im Mund,

die Schuhe an denen der Matsch haftet,

die ungeputzten, stinkenden Zähne,

der unausstehliche Atem im Hals,

die gräulichen Gedanken im Kopf –

wer hat das alles getan, wer ist verantwortlich,

für die Flecken im Teppich,

für die Insekten, den Schmutz auf der Scheibe?

Meldet sich niemand, spricht’s niemand aus?

Ich war’s, ich war’s, ich bin’s gewesen, ich!

 

Dieser Dezember, Julietta

Dieser Dezember, Julietta,

wird nicht enden,

es wird keinen Januar geben

ohne dich.

Hinter diesem Dezember

stehen deine Jahre für uns

und unsere Lyrik,

stehen unsere zahllosen

Wörter gesammelt

als dein Werk von Jahren,

denn fixPoetry

war Juliettas Poetry

und wird es bleiben

über Dezember, Januar

und unsere Jahre mit

dir hinweg,

denn du wirst uns bleiben.

Und sei bedankt.

 

Eigenbedarf

Ich kann euch nichts

von meiner Luft abgeben,

auch das Grün bleibt meins –

es wird nicht zu Beton

und der Garten soll ein Garten bleiben.

Auch ich werde bleiben,

ich werde nicht unter die Sohlen

des Fortschritts geraten.

Bald wird man die Miete erhöhen,

und ich werde nicht zahlen.

Was ich verlange, ist meine Wohnung.

Die neue Straße, das neue Werk

werden nicht gebaut in meinen Ausblick.

Luft und Grün und Blick und Garten

sind nicht mein allein.

Sie sollen auch euch gehören,

aber nicht allein.

 

Alle Copyright by Klaus Martens 2021