Neue Gedichte

November 2020

Fackellauf

Nein, es trägt seine blakende Flamme nicht

über Stationen, eine Weltfeier zu entfachen –

nein, es ist ein Massenstart des Virus in

aller Welt, bei dem jeder mitmuss, trotz

Fieber und Atemlosigkeit – es ist ein Lauf

ums Leben, dem so mancher erliegt, fertig,

zermürbt: Das Ziel: der Tod, der Preis:

das Leben, begleitet auf diesem letzten

Lauf von Empathie und Fahrlässigkeit

und der Hoffnung, nicht verbrannt zu werden.

Noch eins

Noch’n Gedicht,

sagte er (fragte er?),

und dann kam noch eins

aus dem Mund,

aus dem die anderen kamen:

so leicht so fedrig.

Die nächtelange Arbeit

war abgefallen

wie Eierschalen

so dass sie fliegen konnten.

Der Wind, das war

sein langer Atem,

der sie emporhob

aus den Niederungen

der Versuche:

Sieh, da oben, noch eins.

QWERTZ

Damit geht es meistens los –

nicht mit einer Idee oder einem Wort.

Es sind die Anfangsbuchstaben

der deutschen Tastatur (oben links),

die alles andere beginnen lassen.

Das Allerwichtigste ist dabei: das „e“,

ohne dass wir nicht schreiben können,

ohne es ist der Genetiv nicht denkbar,

an den kaum einer mehr denkt.

Stattdessen regiert der Dativ: Gib, gib.

Sechs Buchstaben, ein Anlauf zur Treue,

ein verballhorntes Herz, eine verborgene Frage,

ein mitklingendes Erz. Unser Sesam

zu den Welten der Literatur im Druck.

Irgendwo dahinten

Irgendwo da oben, nein, wirklich,

dort soll die Sonne scheinen, hört man,

auch wenn man sie nicht sieht.

Was man sieht ist der Regen,

der schräg aus den Wolken fällt,

ja, da hinten, und deutlich näherkommt,

in Schrägstrichen, also wie schraffiert.

Ihr kennt das Phänomen. Er kommt also

von da oben, gleich kommt er, bestimmt –

seht ihr, jetzt ist er da mit seiner Wolke,

und bald wird man die Sonne sehen,

wenn er hier unten ist und uns das

Wasser in die unsehenden Augen läuft.

Die Quellenlage

Die Quellenlage ist nicht eindeutig.

Kommen die Dinge aus dem Untergrund

zum Vorschein, gibt es unkontrollierte

Einflüsse? Wer legt den Informationen

Steine in den Weg und sind sie vollständig?

Vielleicht befindet sich Gold darunter,

wenig, vielleicht nur Spuren, aber

immerhin. Die Quelle sprudelt nicht,

sie rinnt, manchmal versiegt sie, dann

geht es wieder in Flussrichtung, wo wir

alle die Enthüllung des Verschütteten

erwarten, auch wenn sie nie kommt.

Dein Sommertag

Plötzlich, mitten im Regen:

Sonne, Mond, Regenbogen,

und du wirst farbenfroh.

Steht da irgendwo ein Topf

voll Lob und Grüßen, voll

bis zum Rand mit Glück

und guten Wünschen an

diesem, deinem Sommertag?

Halte an, halte ein für eine

Minute, bedenke deinen

Erfolg, behalte deinen Mut –

sieh, da ist die alte Treppe,

sieh die begangenen Stufen.

Vorgang

Es grast in den Eingeweiden,

das wiederkäuende Gedankenvieh,

immer dieselben Fehler mahlend

zum Wiederholungsbrei aus

Schuld und Versäumnis, der dort

unten gärt, eine Maische

aus Vergangenheit und verderbender

Zukunftslösung.

Eigenbedarf

Ich kann euch nichts

von meiner Luft abgeben,

auch das Grün bleibt meins –

es wird nicht zu Beton

und der Garten soll ein Garten bleiben.

Auch ich werde bleiben,

ich werde nicht unter die Sohlen

des Fortschritts geraten.

Bald wird man die Miete erhöhen,

und ich werde nicht zahlen.

Was ich verlange, ist meine Wohnung.

Die neue Straße, das neue Werk

werden nicht gebaut in meinen Ausblick.

Luft und Grün und Blick und Garten

sind nicht mein allein.

Sie sollen auch euch gehören,

aber nicht allein.

Bei Nobodaddy

Kaum begonnen, schon vorbei –

Reiseende, Sommerende,

selbst der Begleitkomet des Virus

ist jetzt verschwunden, abgetaucht

in sein tintenfarbenes Element,

wo er sich einschreiben wird

in ein fernes Bewusstsein mit seinem

Feuerschweif, den vielleicht

niemand sehen wird – er wird

einschießen und bleiben

in der funktionslosen Unendlichkeit,

nah beim Vater des Ursprungs.

Es fällt ein Gedicht

Wie ein Groschen

fällt das nächste Gedicht,

und wenn es klingt,

hast du Kasse gemacht.

Das, Freundchen,

ist selten, selten, selten.

Wenn es fällt,

wie ein Tropfen

auf den kahlen Kopf –

nach dem hundertsten Mal

vergisst du es nicht.

Nun gehörst du zu jenen,

die ihre Sachen auswendig

sagen können, aber nicht

wissen müssen, was sie meinen.

So ist das mit den Einfällen.

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