Neue Gedichte

Dezember 2019

Was uns erwartet

In Australien brennen die Wälder,

hier steigt der Nebel aus den Bäumen,

Sprühregen durchtränkt unsere Haare.

Die Wolken betrachten uns kühl,

wir erkennen November wieder,

Der nächste Monat lebt von

den alten Formeln und verschmiert

sich den Mund mit Schokolade.

Und dann ist’s auch schon zu Ende.

Es war eine traurige Veranstaltung,

dieses Jahr. Was erwartet uns demnächst?

Frischer Brand aus Eukalyptusbäumen,

aus denen gesottene Koalas fallen?

Trotz des Hungers

Trotz des Hungers nimmt mein Magen

nicht mehr auf – ein paar Reste hier und da,

dann wirkt die Betäubung wieder, die er

sich selbst verordnet hat, einfach so.

Wir mögen nicht mehr, wir mögen wenig.

Machen wir uns Appetit? Womit denn nur?

Also hungern wir bis zur Übelkeit,

mein Magen und ich und der Kopf,

der auf mir meinen Willen hat, genug hat.

Hartes Gras

Das Gras hier oben ist nicht sehr hoch,

aber auch nicht kurz geschnitten –

es steht in zähen Büscheln, zwischen denen

gestern oder vorgestern einmal Wasser

gestanden haben mag.  Man kommt leicht

ins Stolpern, wenn man nicht den Blick

am Boden hält. Es gibt Kaninchen und

Feldhasen hier, und ich weiß, zwischen

den verkrüppelten Apfelbäumen stehen

Rehe, ja ein ganzes Rudel, aber es rührt

sich nicht. Nun ein Widerstand – ich wäre

fast gefallen, doch es war nur hartes Gras.  

Wer kommt?

Dahinten kommen welche,

aber sie sind es nicht.

Sie grüßen, aber sie kommen

nicht herein. Sie sind so frei,

und wir sind an Versprechen gebunden.

Also wird der Kaffee kalt,

der Kuchen wird trocken.

mein Herz und Gedächtnis

frieren ein: Sie sind nicht gekommen.

Alte Musik

Manno, war das schwer gewesen!

So zu spielen wie er, wie sie.

Es war ein Traum gewesen! Wer

hatte solche Instrumente, wer

spielte mit solcher Technik?

Wir hörten zu mit vollen Herzen.

Und wir spielten und übten,

bis uns die Finger schmerzten,

aber es war irgendwie falsch,

es wurde einfach nicht richtig,

nicht so wie auf diesen Platten,

die wir zu Tode nudelten.

Und heute?  Heute höre ich

manchmal, wenn jemand „unsere“

Stücke spielt, die unglaubliche

Leichtigkeit seines Spiels. Wir sind

in einer Welt zurückgeblieben,

die nur unser Staunen zuließ.

Lehrling

Er steht schwankend auf dem First,

der Lehrling, mit unbewegter Miene

und lässt uns seine Furcht nicht

spüren.  Er steht dort, nicht weit

vom Schornstein, allein im Wind

und längst vergangenen Rauch.

Nun wankt er nicht mehr, der junge

Dachdecker, und sieht stolz über

sein luftiges Reich, das ihn grüßt.

Grundwasser

Der Sommer ist ein Sommer geworden,

ein neuer Sommer: zu heiß und trocken.

Brause wird nicht mehr getrunken –

kein Ananasgeschmack im Schwimmbad,

kaum Kaubonbons. Der Ständer meines

Nachbarn beschämt niemanden mehr,

obwohl er Ausschau hält nach Novizen.

Aber das war vor fünfzig Jahren, als

alles noch anders war als heute – heute

sind die meisten Schwimmer tot,

verstreut als Asche oder saufen Grundwasser.

Vom Roman zum Gedicht

Der Text beginnt als Roman

und endet als Gedicht (wobei

der Anfang bearbeitet werden muss).

Es lässt sich einfach alles

viel kürzer sagen als gedacht.

Die Kapitel schrumpfen beim

Schreiben, und aus dem Schwarm

ausgeschriebener Wörter,

werden lauter Einzelgänger;

aus dem Absatz werden Zeilen.

Nein, die Absicht wird nicht

enteilen. Sie hat sich konzentriert.

 Alle Copyright by Klaus Martens 2019