Neue Gedichte

Juli 2019

Alte Musik

Manno, war das schwer gewesen!

So zu spielen wie er, wie sie.

Es war ein Traum gewesen! Wer

hatte solche Instrumente, wer

spielte mit solcher Technik?

Wir hörten zu mit vollen Herzen.

Und wir spielten und übten,

bis uns die Finger schmerzten,

aber es war irgendwie falsch,

es wurde einfach nicht richtig,

nicht so wie auf diesen Platten,

die wir zu Tode nudelten.

Und heute?  Heute höre ich

manchmal, wenn jemand „unsere“

Stücke spielt, die unglaubliche

Leichtigkeit seines Spiels. Wir sind

in einer Welt zurückgeblieben,

die nur unser Staunen zuließ.

Lehrling

Er steht schwankend auf dem First,

der Lehrling, mit unbewegter Miene

und lässt uns seine Furcht nicht

spüren.  Er steht dort, nicht weit

vom Schornstein, allein im Wind

und längst vergangenen Rauch.

Nun wankt er nicht mehr, der junge

Dachdecker, und sieht stolz über

sein luftiges Reich, das ihn grüßt.

Grundwasser

Der Sommer ist ein Sommer geworden,

ein neuer Sommer: zu heiß und trocken.

Brause wird nicht mehr getrunken –

kein Ananasgeschmack im Schwimmbad,

kaum Kaubonbons. Der Ständer meines

Nachbarn beschämt niemanden mehr,

obwohl er Ausschau hält nach Novizen.

Aber das war vor fünfzig Jahren, als

alles noch anders war als heute – heute

sind die meisten Schwimmer tot,

verstreut als Asche oder saufen Grundwasser.

Vom Roman zum Gedicht

Der Text beginnt als Roman

und endet als Gedicht (wobei

der Anfang bearbeitet werden muss).

Es lässt sich einfach alles

viel kürzer sagen als gedacht.

Die Kapitel schrumpfen beim

Schreiben, und aus dem Schwarm

ausgeschriebener Wörter,

werden lauter Einzelgänger;

aus dem Absatz werden Zeilen.

Nein, die Absicht wird nicht

enteilen. Sie hat sich konzentriert.

Erfindung des Urlaubs

Wer hat die Ferien erfunden,

wer den Urlaub, wer die Brückentage

zur Überlastung der Brücken?

Wer fördert die Tankstellen

und Raststätten mit ihren teuren Toiletten,

dem schlechten Essen zu fetten Preisen ?

Wer will in der Hitze im Stau stehen

und die Körpernähe am Strand erleben

oder die haarigen Kletterbeine am Berg?

Wer erholt sich durch die Urlauber?

Die Stadt, der Staat, der Kapitalismus?

Wir sollten uns Urlaub vom Urlaub nehmen.

Heiß geworden

Es ist plötzlich heiß geworden –

das ist die Zeit der Insekten

und der nächtlichen Rettungswagen.

Mücken werden sichtbar im

zuckenden blauen Licht.

Taumelnde Käfer spritzen ihr Blut

auf vibrierende Windschutzscheiben.

Es ist heiß gewesen am Tag,

und nachts fallen alte Frauen um,

während ihre Männer versuchen,

sich an den Notruf zu erinnern.

Es ist heiß gewesen in der Nacht

der Maikäfer im blauen Licht.

Aktivistin

Sie fand deine Hand

und hält sie fest – sie und dich.

Sie spricht und du hörst zu.

Ihr Blick greift in deine

Augen und in dein Herz –

Sie spricht ernst,

mit festen Worten. Sie würde

dich überzeugen, wenn du

bleiben würdest. Du würdest

unterschreiben oder mit ihr gehen.

Ihr würdet ein mutiges Plakat

schreiben und hochhalten,

und dir würde es besser gehen,

wie allen, die etwas tun.

Schiff ahoi!

Heute will keiner mehr zur See fahren

in ferne Häfen und bunte Länder

mit unaussprechlichen Namen – nur weg

von hier!  Und auch da oben inmitten

des Dröhnens am Plexiglasfenster:

die Wolken sind weiß oder grau, darüber

ist es blau und kalt, und dann kommen

wir irgendwo an, wo es fast so aussieht

wie hier. Aber die Menschen, sind die

Leute anders, von der Sprache abgesehen?

Nein, sind sie nicht. Es sind die gleichen,

wie wir. Uns ist nicht zu entkommen.

Richtungsweisend

Der nächste Wolkenkoloss wölbt sich über den Hügel,

den der andere kaum verlassen hat –

der Wind hat sich noch nicht gedreht.  Er steht still,

für einen Moment. Die Köpfe der Tulpen richten

sich aus nach Osten. So wird es kommen,

voll schweren Regens und Donnerrollens, über den Hügel.

Knackbrot

Es wird mit seinen Geräuschen

gebacken und gerollt, bis es platt

ist und brechen kann wie Glas.

Es ist nicht alt und hart wie altes

Brot. Nein, es ist frisch und hart

und knackt selbst oder deine

Zähne.  Es ist haltbarer als deine

Zähne. Es ist wie Pemmican,

nur ungeritten und aus Roggen.

Es ist nicht durchsichtig und

schmeckt bei größter Kälte,

wobei es knackt, wie Flusseis.

Kündigung

Rechtzeitig, vor dem Termin,

schicke ich die Kündigung –

es soll vorbei sein, ein Ende

des Inkassos, eurer schlechten

Leistungen, eures Beharrens

in Überheblichkeit –

Es ist jetzt Schluss, die Verbindung

wird gekappt. Kein Gespräch

mehr, kein Aufschub, keine

Vorbehalte – von jetzt ab:

Ohne euch, Monopol.

Kleiner Schmerz

Dieser kleine Schmerz direkt

über dem linken Auge

kommt und geht, pulsiert

mit dem Herzschlag,

hält dann kurz ein, beginnt

wieder. Er ist kaum größer

als eine Kastanie, sagen wir,

aber größer als eine Eichel.

Klopft hier etwas bei mir an,

will es herein, tiefer vielleicht?

Oder mahnt es, tock-tock:

denke nach, schau auf die Uhr,

geh an die frische Luft, so lange

du noch kannst? Oder sagt es:

nun lass den Gedanken raus,

drück dich nicht, finde deine

Worte dafür, erleichtere dich?

Dieser kleine Schmerz –

ich denke, er ist der Rede wert.

Lieder und Sänger

Hundert Jahre Lieder und Sänger

im Sternzeichen der Gitarre,

Stimmen in unverstandenen Sprachen

und Schweißtropfen reiner Emotion

beim ersten, noch beim letzten Ton:

all die hellen, sonoren, grollenden

Stimmen nach denen wir unsere Leben

takteten, Wut und Wünsche nannten.

im Jahrhundert der Gitarre, die jeder

kannte, konnte in Übereinstimmung.

Was wird nach dem Tod der Sänger

überleben, woran wird man sich erkennen

am stillen Ende der Generationenmusik?

 Alle Copyright by Klaus Martens 2019