Neue Gedichte

März 2021

Und Mut

Ich pflücke lieber wilde Beeren,

die in verlassenen Gärten wachsen,

ich pflücke lieber kleine Äpfel,

die bei Pferdewiesen wachsen,

 

ich sammle lieber Walnüsse

von vergessenen Walnussbäumen,

die keiner findet außer uns,

die wir von geheimen Stellen träumen.

 

In Brombeersträuchern, die uns stechen

ohne Mitleid, beim Verhau aus Stacheln

wachsen Früchte, die man übersieht –

Umwege kostet’s und ein bisschen Blut,

 

Beharrlichkeit, Geduld und Mut.

 

Im Netz

Es sind die Dinge des Alltags,

die mich umspinnen und halten –

der alte Schutzmann an der Ecke,

die Apothekerfrau mit den Drops,

der Bäcker mit dem Onno-Behrens-Tee

und überzuckerten Schnecken,

die dicke Gemüsefrau an ihrem Stand,

der Elektriker in seinem Kellerladen,

das Fernsehgerät in seinem Fenster,

der Pastor, der auch Autos mitanschiebt,

der Schlachter, der Schweine macht

aus Schweineschmalz, der Feuerwehrmann

im durchgeschwitzten Unterhemd.

Es ist so vieles, das mich hält in einem Netz.

Und irgendwo in einer Ecke wartet

die große schwarze Spinne und fühlt

mein Zittern, meine tiefe Bewegung.

 

Der Unreine

Der Dreck am Straßenrand, er ist

immer wieder neu wie die Apfelsinenschalen

auf dem Gehweg, der schwarze Rand

am Kragen und unter den Nägeln,

die schmutzigen, hässlichen Wörter im Mund,

die Schuhe an denen der Matsch haftet,

die ungeputzten, stinkenden Zähne,

der unausstehliche Atem im Hals,

die gräulichen Gedanken im Kopf –

wer hat das alles getan, wer ist verantwortlich,

für die Flecken im Teppich,

für die Insekten, den Schmutz auf der Scheibe?

Meldet sich niemand, spricht’s niemand aus?

Ich war’s, ich war’s, ich bin’s gewesen, ich!

 

Reime

Ich bin alt

und es gibt noch soviel zu tun

an jedem Tag und

by the light of the moon,

obwohl alle Reime

längst gewesen sind,

sprachenübergreifend,

doch spreche ich weder Urdu noch Mandarin,

diese essbare, vitaminreiche Sprache –

oder war das Vietnamesisch,

die Siegersprache,

nicht einmal die Besiegten

singen in ihr,

sie singen immer in ihrer eigenen.

Es gibt noch soviel zu tun,

by the light of the moon,

und ich bin alt,

älter an jedem Tag.

 

Weltende

Es war das Ende unserer Welt –

Wir hatten es nicht bemerkt,

aber es war mit ihr vorbei,

und mit uns.  Alle Filme, alle

Fiktionen von Freiheit, Einheit,

Gleichheit, Brüderlichkeit

und so weiter gingen durch den

Schornstein. Es blieb Dreck,

schmierige Asche, die blassen

Knöchelchen unserer Gleichen –

entblößt, verwechselbar, hohl.

Jetzt, da auch hier unsere Friedhöfe

überquellen, die Bäume an unserer

Asche ersticken, ist es den

Allerletzten klar: es ist vorbei.

Andere Planeten, andere Welten –

keine Sorge: wir schaffen alles

Neue nach unserem alten Bilde.

 

Ohrwurm

Ein Ohrwurm hat keine Worte,

er summt und brummt

in den tiefen Gängen des Kopfes –

ohne Worte ist er schwer

zu vergessen, kaum zu erinnern,

doch wenn er sich zeigt

und dein Fell zart trommelt, dann

spricht er seine Sprache,

die Summe deines Gefühls.

 

Dieser Dezember, Julietta

Dieser Dezember, Julietta,

wird nicht enden,

es wird keinen Januar geben

ohne dich.

Hinter diesem Dezember

stehen deine Jahre für uns

und unsere Lyrik,

stehen unsere zahllosen

Wörter gesammelt

als dein Werk von Jahren,

denn fixPoetry

war Juliettas Poetry

und wird es bleiben

über Dezember, Januar

und unsere Jahre mit

dir hinweg,

denn du wirst uns bleiben.

Und sei bedankt.

 

QWERTZ

Damit geht es meistens los –

nicht mit einer Idee oder einem Wort.

Es sind die Anfangsbuchstaben

der deutschen Tastatur (oben links),

die alles andere beginnen lassen.

Das Allerwichtigste ist dabei: das „e“,

ohne dass wir nicht schreiben können,

ohne es ist der Genetiv nicht denkbar,

an den kaum einer mehr denkt.

Stattdessen regiert der Dativ: Gib, gib.

Sechs Buchstaben, ein Anlauf zur Treue,

ein verballhorntes Herz, eine verborgene Frage,

ein mitklingendes Erz. Unser Sesam

zu den Welten der Literatur im Druck.

 

Die Quellenlage

Die Quellenlage ist nicht eindeutig.

Kommen die Dinge aus dem Untergrund

zum Vorschein, gibt es unkontrollierte

Einflüsse? Wer legt den Informationen

Steine in den Weg und sind sie vollständig?

Vielleicht befindet sich Gold darunter,

wenig, vielleicht nur Spuren, aber

immerhin. Die Quelle sprudelt nicht,

sie rinnt, manchmal versiegt sie, dann

geht es wieder in Flussrichtung, wo wir

alle die Enthüllung des Verschütteten

erwarten, auch wenn sie nie kommt.

 

Vorgang

Es grast in den Eingeweiden,

das wiederkäuende Gedankenvieh,

immer dieselben Fehler mahlend

zum Wiederholungsbrei aus

Schuld und Versäumnis, der dort

unten gärt, eine Maische

aus Vergangenheit und verderbender

Zukunftslösung.

 

Eigenbedarf

Ich kann euch nichts

von meiner Luft abgeben,

auch das Grün bleibt meins –

es wird nicht zu Beton

und der Garten soll ein Garten bleiben.

Auch ich werde bleiben,

ich werde nicht unter die Sohlen

des Fortschritts geraten.

Bald wird man die Miete erhöhen,

und ich werde nicht zahlen.

Was ich verlange, ist meine Wohnung.

Die neue Straße, das neue Werk

werden nicht gebaut in meinen Ausblick.

Luft und Grün und Blick und Garten

sind nicht mein allein.

Sie sollen auch euch gehören,

aber nicht allein.

 

Alle Copyright by Klaus Martens 2021