Neue Gedichte

Juni 2021

 

Gräberfeld

Hast du gewonnen,

wirst du sie wieder

und wieder kämpfen,

die Siege noch einmal,

die du überlebtest –

 

du lebst und dieses

Gefühl dauert an,

dein Leben lang,

der Sieg, die Fanfaren –

wärest du gefallen,

 

könntest du sie nicht

hören, könntest nicht

die Flaggen sehen

am Meer der Kreuze,

die bedeuten: Hier

 

und hier ist’s gewesen,

hier liegen die Zeugen.,

die Köpfe und Glieder,

das geronnene Blut –

ja, gewonnen, gewonnen.

 

Wo bleibt Nietzsche

War es vor über hundert Jahren anders,

als Nietzsche in Genua den geschundenen

Klepper umarmte, ein leidendes Wesen, wie er,

du oder ich? 

 

Wo bleibt heute ein Nietzsche oder Jedermann,

der die Kinder umarmt im Zeltdorf

an irgendeiner Küste, vielleicht einer Insel,

wo Dreck liegt und es Dreck zu essen gibt?

 

Geschundene, ausgemergelte, leeräugige Wesen

treiben tot in Flüssen reicher Städte,

sammeln Abfall aus Tonnen und von der Straße,

wo sie auch schlafen.

 

Wo bleibt ein Nietzsche und zeigt seinen Schmerz,

ein öffentlich Irrer, ein philosophischer Clown,

einer ganz anders als du und ich, der um

Klapperdürre weint und schreit, und um uns?

 

Meine Gänseblümchenwoche

Ihr erinnert euch doch – einmal so,

einmal so, er liebt mich, sie liebt

mich nicht. Jetzt heißt es: Montag

ist nicht frei, Dienstag ist Ruhe.

Mittwoch ist’s zur Hälfte vorbei,

Donnerstag ist Pause, am Freitag –

halte durch, dann kommt das Ende

der Woche, das du brauchst. Es ist

der Stängel des Blümchens, das

du in der Hand hältst, als würden

Freiheit und Schönheit nachwachsen.

 

Kurzes Jahr

Dies ist das Jahr,

in dem der fünfte Monat ausfiel

und zum zweiten Februar wurde.

Nur der Schnee blieb aus,

als der Regen auf die Dächer trommelte

und der Sturm uns den Marsch blies.

Nun, im Mai, dachten wir

an den einstmals schönen Monat,

in dem die Liebe und die Kirschen blühten,

wo heute harte Äste im Grase liegen.

Der Rest des Jahres ist unbekannt

und vielleicht kurz.

Ich denke, es sucht sich seinen Weg

durch dunkle Tage, an denen

kein Kalender gilt –

es gilt bald eine neue Währung.

 

Politische Gedichte

Ich schreibe keine politischen Gedichte,

weil die Wahrheit nicht geduldet wird

und auch nicht die Suche danach –

es darf nur Reklametexte geben für

Mittel, mit denen weißgewaschen wird,

denn saubere Hemden, ganz in Weiß,

wie es heißt, sind aller Leute Ideal.

 

Mir ist das egal, meine Hemden sind blau

wie die Hosen aus Zwirn, sie bedeuten

Arbeit, auch für das Hirn. Schuld und

Unschuld, sie gelten nicht mehr.

Die Tribunale und großen Sprüche sind

nur schändlich Theater. Sei still,

schreib’s mit: Keine Wahrheit im Licht.

 

Gewohntes im Mai

Die Bienen fliegen brummend

und die Drohnen fallen auf Ashdod.

Panzer kriechen über den toten Boden,

ihre Geschosse töten ungesehene Menschen,

die aus fliegenden Trümmern fallen,

als ob erneut ein 11. 9. sei.

Alte Feindschaft rostet nicht.

Ich will deins und du willst meins.

Und beide glauben auf ihre unwissende Weise.

 

Hinauffahrt

Heute ist der Tag für Väter –

das Kind kam zur Visite.

Ein paar Tage dauerte der Besuch,

aber jetzt ist es genug.

 

Es wird hinaufgefahren –

ein Blick zurück, keiner hat´s bemerkt.

Aber Vater wartet mit Wein und Feigen

(oder wird dort oben nicht gespeist?).

 

Nun sind alle in der Höh´ vereint –

was wird aus uns Gottlosen werden?

 

Zwei Quintette

Wenn du nichts mehr wissen möchtest

und dir die Ohren zuhältst

und das Gedächtnis verschließt

und in der Zeitung immer dasselbe liest,

auch wenn die Texte sich ändern,

 

dann ist nach zu vielen Jahren eine Schallmauer erreicht,

die durchbrochen werden muss,

bevor der Schleudersitz ausgelöst wird

und du in die tosende, tobende Realität fliegst

und dem furchtbaren Aufschlag entgegensiehst.

 

Fliegende Ratten

Falls ihr sie nicht erkennt:

Es sind Tauben gemeint,

diese widerlichen Vielvermehrer

mit den schönen Federn,

die auf kostbares Blech scheißen –

sie sollen vergiftet werden

hört man schon wieder,

wie die Ratten – beide Spezies

liefern Versuchstiere für uns,

die wir uns gegenseitig

schon längst so einsetzen

mit unseren „Lebensmitteln“

unseren Kommunikationsgeräten.

Über „Tauben vergiften im Park“,

sang Kreisler. Es ist eine

weitverbreitete Praxis bei allem,

was unsere Dummheit stört

.

Offensichtlicher Vergleich

Die Hummeln, Bienen und Wespen fliegen

und tun ihre Arbeit den Tag lang,

wie die anderen Insekten, beobachtet von

den Vögeln, vor allem den Amseln und Finken,

die auf ihren Zweigen wippend lauern

bis zum nächsten Aufschwung und Niederstoßen

auf die Fliegen und Mücken –

diese Geschwader im Überlebenskampf

 

sind mehr als die fliegenden Tornados und anderen

Jäger unter den Wolken und darin,

die nichts finden und sammeln, die immer wieder

töten üben, aber sich nicht nähren,

sondern unseren Reichtum verbrauchen,

so lange er noch vorhanden ist

unter dem Summen und Gröhlen der Motoren.

 

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