Neue Gedichte

September 2020

Dein Sommertag

Plötzlich, mitten im Regen:

Sonne, Mond, Regenbogen,

und du wirst farbenfroh.

Steht da irgendwo ein Topf

voll Lob und Grüßen, voll

bis zum Rand mit Glück

und guten Wünschen an

diesem, deinem Sommertag?

Halte an, halte ein für eine

Minute, bedenke deinen

Erfolg, behalte deinen Mut –

sieh, da ist die alte Treppe,

sieh die begangenen Stufen.

Vorgang

Es grast in den Eingeweiden,

das wiederkäuende Gedankenvieh,

immer dieselben Fehler mahlend

zum Wiederholungsbrei aus

Schuld und Versäumnis, der dort

unten gärt, eine Maische

aus Vergangenheit und verderbender

Zukunftslösung.

Eigenbedarf

Ich kann euch nichts

von meiner Luft abgeben,

auch das Grün bleibt meins –

es wird nicht zu Beton

und der Garten soll ein Garten bleiben.

Auch ich werde bleiben,

ich werde nicht unter die Sohlen

des Fortschritts geraten.

Bald wird man die Miete erhöhen,

und ich werde nicht zahlen.

Was ich verlange, ist meine Wohnung.

Die neue Straße, das neue Werk

werden nicht gebaut in meinen Ausblick.

Luft und Grün und Blick und Garten

sind nicht mein allein.

Sie sollen auch euch gehören,

aber nicht allein.

Bei Nobodaddy

Kaum begonnen, schon vorbei –

Reiseende, Sommerende,

selbst der Begleitkomet des Virus

ist jetzt verschwunden, abgetaucht

in sein tintenfarbenes Element,

wo er sich einschreiben wird

in ein fernes Bewusstsein mit seinem

Feuerschweif, den vielleicht

niemand sehen wird – er wird

einschießen und bleiben

in der funktionslosen Unendlichkeit,

nah beim Vater des Ursprungs.

Es fällt ein Gedicht

Wie ein Groschen

fällt das nächste Gedicht,

und wenn es klingt,

hast du Kasse gemacht.

Das, Freundchen,

ist selten, selten, selten.

Wenn es fällt,

wie ein Tropfen

auf den kahlen Kopf –

nach dem hundertsten Mal

vergisst du es nicht.

Nun gehörst du zu jenen,

die ihre Sachen auswendig

sagen können, aber nicht

wissen müssen, was sie meinen.

So ist das mit den Einfällen.

Nach Noten

Sieh dir nur die Noten an,

einen Seilsprung hoch

und nach vorn – sieh,

eine Melodie, sie fasst

dich an die Hand, sie

zieht dich mit, tief in

den Keller, hoch in den

Himmel und lässt dich

bebend auf der Erde,

erhoben auf der Erde.

Verdächtig

Sie hätten mich festnehmen

oder wenigstens durchsuchen müssen

wegen meines ausländischen Dialekts

oder meiner Sprachrichtigkeit,

je nachdem, was sinnlos erschien.

Doch sie taten es nicht, obwohl sie

mich anschauten und im Fahndungsbuch blätterten –

war ich da drin? Warum verschonten sie mich?

War ich nicht ihr Typ oder suchten sie mich

nicht? Warum war ich nicht verdächtig?

Hatten sie einfach keine Ahnung

oder waren sie pflichtvergessen?

Ich war ihnen vielleicht zu ähnlich –

ein bisschen langweilig und dämlich,

ohne Hautfarbe, die sie gewohnt waren –

es muss ein langweiliger Tag gewesen sein.

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